
Das Interview führte Patrick Stahl im Rahmen des Finance Forum Liechtenstein 2026.
Die sicherheitspolitische Lage hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Welche geopolitischen Entwicklungen stellen aus Ihrer Sicht derzeit die grösste Bedrohung für Stabilität und Wohlstand für Europa dar?
Die Zeitenwende, über die lange gesprochen wurde, ist eingetreten. Immer mehr Länder wenden sich von der bisherigen regelbasierten internationalen Ordnung ab. Europa hat jahrzehntelang von festen Regeln in einem multilateralen System profitiert, aber auch ganz konkret von der amerikanischen Sicherheitsgarantie und günstiger Energie aus Russland. Beide Pfeiler sind weggebrochen: Russland destabilisiert den Westen gezielt mit dem Ziel der Spaltung, und die USA sind kein verlässlicher Partner mehr. Vor allem sind die USA nicht mehr bereit, weiterhin für die Sicherheit Europas zu bezahlen.
Konflikte werden heute nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich, technologisch und digital geführt. Wie gut sind unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften auf diese Form hybrider Bedrohungen vorbereitet?
Machtpolitik, wie sie heute von den Grossmächten betrieben wird, bedient sich vieler Mittel. Die Massnahmen bewegen sich in der Grauzone zwischen wirtschaftlichem Druck, politischer Einflussnahme und offener militärischer Gewalt. Die meisten Gesellschaften sind auf diese neue Realität noch nicht ausgerichtet. Insbesondere fällt es unseren offenen, liberalen, demokratischen Gesellschaften schwer, mit systematischer Beeinflussung und Desinformation umzugehen und angemessen darauf zu reagieren.
In einer vernetzten Welt sind auch Unternehmen Teil der sicherheitspolitischen Realität. Welche Risiken unterschätzen Wirtschaft und Finanzbranche aktuell am häufigsten?
Die globale Vernetzung basierte bisher auf klaren Regeln, die mehrheitlich eingehalten und vor allem durch die USA durchgesetzt wurden. Dieses Fundament bröckelt. Unsere Wirtschaften befinden sich in enormen internationalen Abhängigkeiten, und überall wo Abhängigkeiten bestehen, bestehen Risiken. Das betrifft Lieferketten, Verträge mit Partnern in anderen Jurisdiktionen, gegenseitige Zölle, die Verfügbarkeit digitaler Infrastruktur aus dem Ausland und nicht zuletzt Energieimporte.
Kritische Infrastrukturen – von Energie bis Daten – stehen zunehmend im Fokus geopolitischer Spannungen. Wo sehen Sie die grössten Verwundbarkeiten in den kommenden Jahren?
Vor allem in der Zunahme von Cyberangriffen, der Abhängigkeit von Energieimporten und dem Zugang zu Schlüsseltechnologien. Die Rückkehr von Machtpolitik und Bedrohungen in der Grauzone betreffen ganz konkret Unterseekabel, die Abhängigkeit von Cloud-Infrastruktur bei US-Anbietern, Stromimporte im Winter und die Verfügbarkeit von Halbleitern aus Taiwan.
Kleine, offene Volkswirtschaften wie die Schweiz und Liechtenstein sind besonders stark international verflochten. Welche geopolitischen Abhängigkeiten könnten in Krisensituationen zum strategischen Risiko werden?
Die Schweiz und Liechtenstein stehen vor mehrfachen Herausforderungen. Einerseits wurde die militärische Sicherheit nach Ende des Kalten Krieges massiv vernachlässigt. Europa rüstet auf und erwartet auch von uns einen entsprechenden Beitrag zur europäischen Sicherheit. Andererseits sind wir bei Energieversorgung, Technologie und Arbeitskräften zunehmend abhängiger vom Ausland geworden. Das macht uns verwundbar und erpressbar. In der heutigen Welt reich und schwach zu sein, ist keine gute Kombination.
Sicherheit hat lange Zeit als selbstverständlich gegolten – auch aus wirtschaftlicher Sicht. Müssen Unternehmen und Finanzinstitute heute stärker in Resilienz investieren, selbst wenn dies kurzfristig Effizienz kostet?
Die letzten rund 40 Jahre waren in Europa, historisch gesehen, einzigartig. Selten in der Geschichte blieb Europa so lange von grossen zwischenstaatlichen Konflikten verschont. Das Risiko von Konfrontationen ist aber massiv gestiegen. Es gehört zu verantwortungsvoller strategischer Unternehmensführung, sich auch auf unwahrscheinliche, aber nicht mehr unmögliche Szenarien vorzubereiten. Das hat einen Preis; aber es ist ein Preis analog einer Versicherungsprämie, der sich im Ernstfall auszahlt.
Geopolitische Unsicherheit ist zu einem dauerhaften Faktor geworden. Welche Fähigkeiten werden Organisationen künftig brauchen, um in einem Umfeld permanenter Krisen handlungsfähig zu bleiben?
Mehr denn je braucht es Antizipation, das Denken in Varianten, Resilienz und Flexibilität. Abhängigkeiten müssen bewusster eingegangen, Reserven aufgebaut und ein funktionierendes Krisenmanagement vorbereitet werden.
Viele Unternehmen und Finanzakteure profitieren von globaler Offenheit und Stabilität. Sind wir wirtschaftlich noch auf eine Welt ausgerichtet, die es so sicherheitspolitisch gar nicht mehr gibt?
Die Welt wird nicht mehr so, wie sie einmal war. Der kanadische Premier Mark Carney hat es treffend gesagt: «Nostalgie ist keine Strategie.» Unsere exportorientierten und vernetzten Wirtschaften sind auf Stabilität und multilateral eingehaltene Regeln angewiesen – wie sie heute nicht mehr bestehen. In einer Welt, in der Regeln erodieren, ist gleichzeitig reich und schwach zu sein keine gute Voraussetzung.
